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Wie ich einmal neben Hendryk M. Broder frühstückte

Zum Glück versteht er kein französisch. Sonst hätte er mit meinen rumänischen und ungarischen Kollegen, die wie ich an einem Seminar zur Literaturkritik im europäischem Journalismus in München teilnahmen, seinen Senf zu meiner kleinen Traumdeutung dazu geben können. Und sicherlich hätte er meine Vision vom Schriftsteller Leon de Winter der im Stringtanga und mit Pfauenfeder im Arsch auf der Gaza-Mauer herumtanzt, während er elegant den Gummihühnern ausweicht mit denen wütende linke anti-zionistische Antisemiten ihn bewerfen, gerne kommentiert. Anti-Zionistisches Arschloch, oder ähnlich wäre seine – sicherlich eher analfixierte – Diagnose gewesen.

Aber Hendryk M. Broder versteht kein französisch. Dafür beherrscht er aber die Kunst auf sich aufmerksam zu machen. Nun mal ehrlich: Wer läuft denn schon im Pyjama durch den Speisesaal seines Hotels, wenn er nicht unter einem Aufmerksamkeitsdefizit leidet? Da braucht man schon gar nicht mehr lauthals das Boulevardblatt zu kommentieren und doch tut er es. “Diesmal waren es keine Muslime”, schnauft er über das Ableben eines 50-jährigen Münchners dessen Zivilcourage ihm vor ein paar Tagen das Leben gekostet hat – beim Versuch einen Streit unter jungen Menschen zu richten und diese ihn erschlugen. Als ob es schade wäre, dass ein paar deutsche, drogensüchtige Jugendliche diese Gewalttat vollbracht hätten und keine bösen radikale Muslime. Hier offenbart sich nebenbei die Denkweise Broders und fast der gesamten Presse: Als vor fast zwei Jahren, zwei Jugendliche in München ebenfalls einen alten Mann zusammenschlugen, reichte es den Medien zu wissen, dass diese Ausländer waren. Offensichtlich ist es so, dass deutsche Jugendliche Drogen im Blut haben müssen, damit man ihnen eine solche Tat zutraut. Bei den Ausländern reicht ihr unreines Blut völlig aus. Broder denkt, wie viele andere in schwarz und weiss. Ungleich vielen anderen, ist er ein geachteter Intellektueller der – wie er es selber lauthals durch den Saal verkündet – auch mal bei Kerner Gast sein kann, um in gediegener TV-Runde von sich, sich und vielleicht ein bisschen der Welt da draussen zu schwafeln.

Aber… was hab ich eigentlich gegen diesen Typen? Ausser seines antipathischen Benehmens, das ihn der internationalen proto-faschistischen Kleingärtnerriege näher bringt als dem Olymp der Intellektuellen, ist es vielleicht auch seine politische Meinung die mich intrigiert, sowie die polemische Art wie er sie unter die Menschen bringt. Polemisch heisst hier soviel wie: Entweder du bist für mich oder du bist ein Antisemit.

In seiner Einleitung zum Leseabend mit Leon de Winter (der am Vorabend im Literaturhaus München stattfand) – nachzulesen auf welt.de, wo er sie als Rezension verkauft – geht Broder mal wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Intellektuelle in die Pfanne hauen, die – anscheinend – Israels Existenzrecht deligitimieren. Dabei geht es diesmal um die Kollegen Henning Mankell und Jostein von Gaarder, die es wagten den israelischen Staat zu attackieren und zu kritisieren, ohne jemals zu verlangen dass man den Staat von der Landkarte tilgen sollte. Nun, Herr Broder meint dazu “Es gibt weder von Mankell noch von Gaarder eine ähnliche Stellungnahme, in der sie das Existenzrecht eines Staates für verwirkt erklären, mit dessen Politik sie nicht einverstanden sind. Weder zu Iran, noch zu Sudan, nicht zum Kongo, nicht zu Weißrussland. Israel allein genießt das Privileg, sie so in Rage zu bringen, dass sie dem Land die Anerkennung entziehen”. Hat er Mankell oder Gaarder denn gefragt, ob sie mit Iran, Sudan oder Kongo einverstanden sind? Wohl kaum, denn kein Intellektueller der westlichen Hemisphäre der etwas auf sich hält, würde diese Staaten verteidigen oder rechtfertigen, dies käme ohnehin einem künstlerischem Selbstmord gleich. Für Broder ist dieses billige Argument aber immer noch teuer genug, um seine Gegner als Terror- und Diktaturfans abzustempeln und sich die Krone des Gerechten aufzusetzen.

Es gibt noch viel mehr solcher Beispiele im Text, die immer wieder eines unter Beweis stellen: Broder ist ein Meister der Rhetorik, doch er kann nicht richtig argumentieren. Irgendwas stimmt nie in seinen Sätzen, sie klingen merkwürdig hohl und mir ist bei ihrer Lektüre immer wieder unwohl. Habe ich mich jetzt selbst als Antisemit entlarvt? Kann ich mich jetzt nicht mehr im Spiegel ansehen, weil mir über Nacht ein Hitlerbärtchen gewachsen ist? Oder ist Broder ein Extremist, jemand der jeder Diskussion einen Riegel vorschiebt indem er sich auf irgendwelche anscheinend unumrückbare Zustände beruft?

Ich plädiere – verständlicherweise, denn dies hier ist immer noch mein Blog – für die zweite Variante und verweise nun kurz auf meine Position zum Nahostkonflikt:

- Israel hat das Recht zu existieren und niemand Israel dieses Recht absprechen.

- Israel hat – wie alle anderen Länder auch – das Recht und die Pflicht sein Territorium und seine Bürger zu verteidigen.

- Israel hat aber auch das Recht und die Pflicht mit seinen Gegnern und Nachbarn zu verhandeln, bevor es Truppen schickt.

- Israel muss den Palästinensern erlauben einen eigenen und souveränen Staat zu führen und Israel muss fähig sein in Frieden mit seinen Nachbarn zu leben.

Und genau bei den letzten zwei Punkten liegt das Problem: In der Unverhältnismässigkeit mit der Israel auf palästinensische Attacken reagiert. Sicher, es ist kein Kavaliersdelikt mit Raketen auf Zivilisten zu schiessen, aber deshalb einen Krieg zu führen dessen Bodycount mit 13 Toten zu über 1.400 auf der anderen Seite steht und dies immer noch als verhältnismässig zu sehen, sowie keine Widerrede zu akzeptieren wenn es um die Interpretation des Gaza-Krieges von 2009 geht, das übersteigt meine Vorstellungskraft. So verhält sich kein Staat, dem es um Rechtmässigkeit geht, so verhält sich auch kein Staat der lange in die Zukunft überlegt – denn sonst wüsste er, dass solche Gewalt genug Leid entstehen lässt um Generationen von hassvollen Terroristen anzuziehen. Es ist, als ob sich dieser Staat seine Probleme selbst züchtet: Denn der Weg den Israel – und auch die Hamas – geht, ist einer der es darauf absieht, dass am Ende nur eine Partei übrig bleibt. Und dies kann niemand, nicht einmal Broder himself, wirklich wollen. Denn der Konflikt kann nur zu Ende gehen, wenn beide Seiten mehr als einen Schritt zurück treten und die Menschen leben lassen, ohne dass sie sich wegen der einen oder anderen Religion die Köpfe zu Brei schlagen.

Ich war mal – im Gymnasium – ein grosser Fan der israelischen Armee. Wie sie es immer wieder fertig brachten, auch in den beschissensten und verzweifeltesten Momenten mit ihren Gegnern fertig zu werden, begeistert mich noch teilweise heute – insofern ich mich überhaupt für Mord und Totschlag begeistern kann. Die Geburt des Zionismus aus der Literatur der Pogrome, zumal die Werke eines Hayim Nahman Bialik oder Isaak Babel oder die Erzählungen der Singer-Brüder, gehören für mich zweifelsohne zu den bedeutendsten Werken ihrer Zeit. Und trotzdem kann ich Interventionen wie den letzten Gaza-Krieg, also die Operation Cast Lead – dessen Name übrigens einem Gedichts Bialiks entnommen ist – nicht gutheissen. Es gibt keinen Grund mit solcher Härte gegen Zivilisten vorzugehen und es gibt auch keinen Grund Kritiker dieser Politik mit der viel umstrittenen “Moralkeule Auschwitz” zu erschlagen. Denn das Problem ebendieser Keule ist es, dass sie jegliche Diskussion unmöglich macht. Wer damit geschlagen wird, hält augenblicklich den Mund, denn der Holokaust ist in seiner Grausamkeit einzigartig. Nur, wird es seinen Opfern gerecht, wenn in ihrem Namen Kritikern das Maul gestopft wird? Zumal die meisten Kritiker ja nicht einmal dran denken den Holokaust zu negieren oder auch nur zu relativieren – sondern lediglich sich das Recht herausnehmen einen Staat, der unverhältnissmässig reagiert und seinem Nachbarvolk langsam aber sicher das Wasser abgräbt, so dass dieser in ständiger Angst und Prekarität leben muss, zu kritisieren.

Ich jedenfalls, nehme mir das Recht zu sagen was ich denke: Herr Broder, sie sind, mit Verlaub, ein Arschloch. Und ihre Argumentationen fallen höchstens bei Islamisten und jüdischen Extremisten auf fruchtbaren Boden. Menschen mit Gehirn und Eiern, können bei ihnen nur noch mit dem Kopf schütteln. Und das Schlimmste daran ist: Sie tun nicht mal Israel einen Gefallen…


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